Hürth/Split. Seit der Veröffentlichung des Sprachmodells ChatGPT Ende 2022 ist Künstliche Intelligenz, kurz KI, aus Alltag und Beruf nicht mehr wegzudenken. Um der rasanten Entwicklung Rechnung zu tragen, hat das NRW-Schulministerium im Juni 2025 die Zusatzqualifikation „Künstliche Intelligenz in der Beruflichen Bildung“ ins Leben gerufen. Für zwei Lehrerinnen des Goldenberg Europakollegs war dies der Startschuss, selbst noch einmal die Schulbank zu drücken – und das in den Ferien.
Im Rahmen des EU-Bildungsprogramms Erasmus+ reisten die Pädagoginnen ins kroatische Split, um gemeinsam mit Lehrkräften aus Frankreich, Lettland, Litauen, Belgien und Finnland eine Woche lang Theorie und Praxis der KI zu vertiefen. Die Lehrkräfte aus ganz Europa tauschten sich über KI als Chance zur individuellen Lernförderung aus, erkannten aber auch die Notwendigkeit ethischer Leitlinien und datenschutzkonformer Lösungen. Ziel der intensiven Fortbildungswoche: die neue KI-Zusatz-Qualifikation des Schulministeriums in den Unterricht am Goldenberg Europakolleg zu implementieren.
Zusatzqualifikation für Jugendliche
Das geplante Angebot richtet sich an Schülerinnen und Schüler der vollzeitschulischen Abitur- und Fachabiturklassen in Hürth und zwar fächerübergreifend. Damit können die Jugendlichen ihre Kompetenzen im Umgang mit KI dokumentieren – ein Pluspunkt fürs persönliche Bildungsportfolio. Das Zertifikat des Ministeriums umfasst fünf Module, die ein breites Spektrum abdecken: von den technischen Grundlagen über ethische und sozialwissenschaftliche Fragestellungen bis hin zur konkreten Anwendung und Gestaltung von KI-Systemen in einem Schülerprojekt.
Warum das Goldenberg Europakolleg diese Zusatzqualifikation anbieten möchte, erläutert Sabine Staiger, Abteilungsleiterin des Beruflichen Gymnasiums, die das Seminar für ihre Schule besuchte: „KI ist längst Realität – ob bei Übersetzungen, der Bildgenerierung oder der Recherche. Unser Ziel ist es, dass unsere Schülerinnen und Schüler sicher, verantwortungsvoll und kompetent mit diesen Werkzeugen umgehen.“ Sie ist sehr zufrieden mit der Erasmus-Fortbildung: „Das Seminar war Gold wert und hat unsere didaktische Planung einen großen Schritt weitergebracht.“ Während vormittags der theoretische Input und praktische Übungen zu verschiedenen KI-Modellen im Fokus standen, wurde nachmittags in Kleingruppen bereits an der didaktischen Jahresplanung der Module gefeilt.
Zurück in der Heimat stießen die Pläne sofort auf Begeisterung, denn auch hier hatten sich Kolleginnen und Kollegen bereits zum Thema Künstliche Intelligenz weitergebildet. Gemeinsam mit Dr.-Ing. Simon Heinen, Bildungsgangleiter der Höheren Berufsfachschule für Ingenieurstechnik, wurde eine Projektgruppe ins Leben gerufen, um das KI-Zertifikat umzusetzen. Für Dr. Heinen steht der pädagogische Nutzen außer Frage: „Es geht nicht darum, Hausaufgaben an eine Maschine auszulagern. Die Kernkompetenz liegt darin zu verstehen, was KI kann – und was nicht. Fehler erkennen, Ergebnisse bewerten und eigene Ideen kritisch prüfen – das sind die Fähigkeiten, die heute zählen.“ Das Zertifikat bescheinigt den Schülern fundierte KI-Kenntnisse, die von der Funktionsweise einfacher Modelle über den Datenschutz bis hin zur essenziellen Quellenkritik reichen. Diese Kenntnisse müssen die Schüler in einem selbst gestalteten Abschlussprojekt nachweisen.
Startschuss noch in diesem Schuljahr für (Fach-)Abiturklassen
Dank der intensiven Vorarbeit im Ausland muss das Team nicht bei Null anfangen. Die logistische Planung mit den Bildungsgangleitern läuft bereits auf Hochtouren. Diese Klassen profitieren von dem Zusatz-Angebot: die Abitur- und Fachabiturklassen der Gestaltungstechnischen Assistenten, die drei Jahre an der Schule verbringen sowie die Schüler der Höheren Berufsfachschule für Ingenieurstechnik, die in zwei Jahren ihren Fachabitur erlangen. Sabine Staiger ist optimistisch: „Wir gehen davon aus, dass wir noch in diesem Schuljahr die ersten Module durchführen werden.“ Das ehrgeizige Ziel: Die aktuellen Schülerinnen und Schüler sollen ihr KI-Zertifikat bei ihrer Abiturfeier gemeinsam mit ihrem Abiturzeugnis in den Händen halten.
Dass die Lehrkräfte für dieses Projekt einen Teil ihrer unterrichtsfreien Zeit opferten, ist für sie selbstverständlich. „Bildung entwickelt sich ständig weiter“, so eine Teilnehmerin. „Wenn wir unsere Schüler bestmöglich auf die Zukunft vorbereiten wollen, müssen wir selbst am Ball bleiben – auch in den Ferien.“










